Sozial-Emotionale Hochbegabung

Hochbegabungskonzepte stoßen in den letzten Jahren zunehmend auf Interesse. Eigene Forschungsansätze wurden entwickelt und diesbezügliche Bildungsangebote institutionalisiert.

Die Ausrichtung dieser Ansätze fußt auf einem vereinseitigten Begabungsbegriff, der sich an der Dimension der kognitiven Begabung, dem klassischen Intelligenzquotienten, orientiert.

Das Anna-Wolf-Institut vertritt einen Intelligenzbegriff, dem Howard Gardners Konzept der multiplen Intelligenzen zugrunde liegt. Gardners Konzept wurde in den letzten Jahren auch im deutschsprachigen Raum rezipiert und vielfach adaptiert.

Der entscheidende Punkt in diesem Konzept ist dabei nicht die konkreten Teilbereiche der Intelligenz, die Gardner benennt – hier wird es empirischer Forschungen bedürfen, um zu kohärenten Begriffsentwicklungen und –bestimmungen zu kommen – entscheidend ist die Kritik an einem Intelligenzbegriff, der in Form des IQ gemessen, oft natavistisch fehlinterpretiert und auf kognitive Aspekte reduziert wird.

Unser Grundverständnis skizzieren wir in den folgenden Thesen:

  1. Die Entwicklung einer systematischen Förderung von Jugendlichen mit sozial-emotionaler Hochbegabung sehen wir als gesellschaftlich notwendige und dringliche Aufgabe. Wir halten es nicht für zielführend, diese Förderung in speziellen Schulen durchzuführen. Es braucht allerdings einen institutionalisierten Rahmen, ein spezifisches Curriculum mit entsprechenden Methoden und eine noch zu entwickelnde Diagnostik.
  2. Die Förderung von Kindern mit Hochbegabungen war bisher weitgehendst auf die Förderung kognitiver Intelligenz ausgerichtet. Daneben gibt es die Förderung besonders begabter Kinder auf dem Gebiet der Kunst und des Sports. Insgesamt liegt diesen Ansätzen ein reduziertes Begabungsmodell zugrunde.
  3. „Derzeit überlassen wir die emotionale Bildung unserer Kinder dem Zufall, mit immer katastrophaleren Ergebnissen“ (Goleman). Die Annex-Pädagogik etlicher Hochbegabtenprogramme (… außerdem / zusätzlich werden die sozialen und emotionalen Fähigkeiten in unserem Programm gefördert ...) ist weder konzeptionell angemessen noch wird sie dem hier formulierten Anspruch gerecht. Noch trostloser sieht es in dem Bereich der Förderung von sozial-emotional Hochbegabten aus: sie werden nicht wahrgenommen und demzufolge auch nicht systematisch gefördert.
    --> Wir brauchen spezifische Curricula für die Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen.
    --> Wir brauchen ein spezifisches Curriculum für sozial-emotional Hochbegabte.
  4. Hoyer u.a. gehen davon aus, dass sich keine klaren Grenzziehungen zwischen Begabung und Hochbegabung ziehen lassen. Dies entspricht einem dynamischen Begabungsmodell, das sich biologistischen (in der Regel politisch reaktionär begründeten) Begabungsvorstellungen, widersetzt. Begabung ist Potenzial und Aufgabe zugleich: Denn „Begabung besagt nicht eine Ausstattung und ein Vermögen, das ein Mensch ein für allemal fix und fertig besitzt und mit dem er schalten und walten könnte, wie es im passt, sondern eine Gabe, die ihm gewährt wird, wenn er sich mit Fleiß und Ausdauer einer Sache hingibt und sich um ihr Wesen, um ihr Sein bemüht“ (Ballauf).
  5. Die Förderung von Jugendlichen mit sozial-emotionalen Hochbegabungen ist ein Beitrag zur Bildung von „sozialem und kulturellem Kapital“ (Bourdieu). Dabei wird es entscheidend sein, die den Bildungs- und Erziehungsprozessen innewohnende Autonomie ebenso zu beachten wie die Entwicklung von individuellem, gesellschaftlichem und globalem Verantwortungsbewusstsein.
  6. Wir zielen mit unserem Konzept auf die Förderung einer Elite, die sich nicht elitär abgrenzt, sondern die sich ihrer Verantwortung in der und für die Gesellschaft bewusst ist, die ihre Tätigkeit als Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft sieht und nicht als Beitrag zur sozialen Spaltung (d.h. nicht Gleichmacherei).
  7. Unser Konzept will Anschluss suchen an die Pädagogik der Vielfalt, der Pädagogik / Didaktik-Methodik der Hochbegabtenförderung wie sie insbesondere in den USA entwickelt wurde.

In und mit diesem Projekt sehen wir große Chancen; wir müssen dabei aber auch mit politischen wie fachlichen Widerständen rechnen. Wir gehen dabei davon aus, dass im Zuge der Entwicklung des pädagogischen Konzepts zur Förderung sozial-emotional Hochbegabter auch weitere Hinweise auf die Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen insgesamt gefunden werden. Als beteiligte Pädagogen werden wir dabei immer wieder die Einheit von Theorie und Praxis zu behaupten haben.